Langsames Essen

Nichts ist ehrlicher und direkter als Nahrung. Und nichts wird in den letzten Jahren mehr dazu missbraucht, uns zu betrügen, unsere Geschmacksnerven hinters Licht zu führen und auch, um uns zu verunsichern. 


Vielleicht erinnern sich einige von Euch noch an das frisch gezogene, saftige Rüebli aus Mutters Garten? Es erzählte vom Sommer, davon, ob er eher trocken ausfiel, der Boden vor lauter Regen durchtränkt war und überhaupt davon, wie der Boden beschaffen wurde. Der Biss in die Tomate wiederum verriet etwas über die Sonnenstunden der vergangenen Wochen... 


Die Wertschätzung und das Verständnis für genau diese Eigenschaften, auch sinnbildlich für den Genuss der italienischen Cucina Povera, dürfte Carlo Petrini 1986 in Rom in Gefahr gesehen haben, als er sich mit dem ersten Mc Donalds konfrontiert sah.

Es wurde, rasch erzählt, die Geburtsstunde von Slow Food Italien, und seither zu einer erfolgreichen Bewegung gegen die Industrialisierung von Essen und für eine saubere, gute und faire Nahrungsmittel Produktion. 


Ausserhalb Italien fand Slow Food ungefähr zeitgleich in Deutschland und der Schweiz, 1993 seine Fortsetzung und mittlerweile engagieren sich über allen Kontinenten hinweg in 160 Ländern Menschen für Slow Food, denen der Genuss am Herzen liegt. 


Ja, der Genuss...um wieder auf unser Initial erwähntes Rüebli zurückzukommen: eigentlich erstaunlich, müssen die meisten von uns unser Gedächtnis zurück in die Kindheit bemühen, um dessen erdig, saftige Süsse in Gedanken noch mal aufleben zu lassen. 


Könnte leider daran liegen, dass wir hauptsächlich bei Grossverteilern einkaufen. Auch wenn oftmals angepriesen wird, dass die Qualität im Vordergrund steht, fehlt es genau an dieser. Qualität kann nur durch Zeit entstehen und diese büsste im Laufe der Jahre, zu Gunsten der Massenproduktion, immer mehr ein.  

Biodiversität, langsame, saubere, ökologische und nachhaltige Herstellungsverfahren sind auch Slow Food hier in Bern ein Anliegen. All das sind notwendige Voraussetzungen, damit das Rüebli wieder in den Saft kommt. Ohne zu belehren, ohne Mahnfinger und Verbote. Slow Food will Genuss erlebbar machen. Das Bewusstsein für regionale Spezialitäten wieder stärken.


Denn es gibt sie. Die Kleinstproduzenten, welche mit dem Käsen warten, bis die jungen Ziegen die Milch nicht mehr brauchen, durch den Verzicht von Pestiziden eine kleinere Jahresernte in Kauf nehmen. Oder den Aufwand nicht scheuen und ihren Broten eine längere Triebzeit gewähren. Jene, welche versuchen vergessene Getreidesorten wieder zu kultivieren und dadurch nicht nur Kulturgut wahren und für eine grössere Eigenresistenz der Pflanzen sorgen, sondern auch durch die damit verbundene Biodiversität gewährleisten, dass die Böden in Zukunft noch fruchtbar sein werden.

Sie alle haben den beschwerlicheren Weg gewählt. Aber sie gilt es zu unterstützen. Wer die Produkte kennt, weiss deren Qualität zu schätzen. Unsere abgestumpften Sinne bekommen wieder eine Vorstellung davon, wie einfach Genuss sein könnte und lassen sich nicht mehr durch industrielle Zusatzstoffe hinters Licht führen.


Slow Food Bern bietet einige Möglichkeiten, die Geschmacksnerven wachzurütteln, sich mit Produzenten auszutauschen oder selber Hand anzulegen, damit Essen in Zukunft noch lange und für alle das bleibt, was es zu sein gedacht war: die genüsslichste Hauptsache der Welt.   

Gut, sauber & fair: Slow Food Bern
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