Eigenwillige Gastfreundschaft

Airtime heisst ihr Coffeeshop. Sie lieben ihn heiss und sagen, es gehe eine unglaubliche Energie davon aus. Sie meinen, er müsse über einem alten Indianerfriedhof liegen. Ausserhalb der Öffnungszeiten nutzen sie ihn auch als Kreativstudio und brüten Flausen aus. Sie sind Annette und Fred - Künstler, Grafiker und Gastronomen aus Leidenschaft.  


Das Airtime liegt an einer Sackgasse, ist flankiert von steilen Felswänden, und für Weitblick sorgt lediglich die Wetterlücke. Aber entgegen Meinungen amerikanischer Touristen laufen die Wasserfälle rund um die Uhr, diese sind zahlreich und geben dem geheimnissvollen Ort seinen Namen: Lauterbrunnen 


In diesem Valley, mit seiner bunten Gästeschar aus der ganzen Welt, versuchen Annette und Fred Gastfreundschaft auf eigenwillige Art zu betreiben. Sie setzen voll und ganz auf Handarbeit, finden künstliche Zusatzstoffe merkwürdig und vermeiden sie, und freuen sich nach Möglichkeiten, lokale Produkte zu verarbeiten.

All ihre Sandwichbrote sind hausgemachte Sauerteigbrote, die Gipfelis tourieren sie von Hand mit Alpbutter und formen daraus wahrhaftige Berggipfel zum Abbeissen. Sie brauen auch selbst Kombucha und verfeinern das gesunde Gesöff bei seiner zweiten Fermentation mit „beinahe food waste“ aus dem Grossmarkt. Ab und zu erlauben sie sich einen Ausflug dorthin und erfreuen sich dort ab der Halbpreis-Ecke und dem verhinderten Lebensmittelabfall.


Das Unerwartete inspiriert sie und verleiht etwa den Sandwiches eine weitere Geschmacksebene, dazu wird ein Lebensmittel vor dem Verschwendungstod bewahrt. Der Glühwein kommt übrigens aus richtigen Weinflaschen italienischen Ursprungs, ist bio ohne Label, wird mit selbstgemachtem Gewürzsirup erwärmt und einem Apfelschnitz serviert. Neuerdings servieren sie auch Amazake, ein traditionelles japanisches Getränk aus Reis. Zufällig fanden sie einen charmanten Menschen der besagtes Getränk im nahen Mürren fermentiert. 

Unbeirrt versuchen sie der Slow Food Philosophie mit ihrem Wirken in diesem bizzarren Talboden Leben einzuhauchen. Ihre Vision von Qualität in punkto Gastfreundschaft soll jeder Nation einen eigenartigen Aufenthalt im Coffeeshop bieten. Manchmal geben sie Insiderwissen preis, etwa über lokale Wachteleier oder schäumen im Sommer Geissenmilch für einen alpinen Cappuccino.


Vergessen sie das Backpulver - im Gebäck gibts den „cake accident“ in dickeren Scheiben für less cash. Die Tischlis sind gebrauchte Schranktüren einer ehemaligen Bäckerei. Nun bieten diese den angerichteten Gebäcken Bodenhaftung vor ihrem Verzehr. Auch Annette und Fred mögen Bodenständiges, Ehrliches und Einfaches. Bisweilen mit einem ungewohnten Twist, sei das ein Sauerteigbrot gewürzt mit Zigerklee und Weichspeckbirne oder ein dunkles Schoggitruffe mit Waldhonig und Fichten-Fleur de sel. So geht alpine Gastrokultur und gelebter Slow Food!   

Fotos: Annette & Fred / Tina Sturzenegger Airtime Café Lauterbrunnen
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